Bruttosozialglück


Übersicht: Einführung | Die 4 Säulen des Bruttosozialglücks | Glück in der Praxis | Links


Einführung

Auf den ersten Blick ein unmögliches Wort! Wie kann man einen so diffus-verheißungsvollen Begriff wie "Glück" in eine Worthülse packen, die eher das trockene Flair einer Wirtschaftskenngröße verbreitet? Wer das Wort zum ersten Mal hört - auf deutsch oder sein englisches Äquivalent, die Gross National Happiness (GNH) - ist verblüfft, belustigt, ungläubig. Entstammt dieses Wort einem Kinderbuch, dem Wahlmanifest der Linkspartei oder gar einem Esoterikratgeber?

Weit gefehlt! Das Bruttosozialglück ist die zentrale Richtschnur, das übergeordnete Konzept, die Vision überall dort, wo es in Bhutan um Planung und Entwicklung geht. Der Legende nach geht das Wort zurück auf einen Ausspruch des Königs Jigme Singye Wangchuck, der einmal gesagt haben soll, dass das Bruttosozialglück wichtiger ist als das Bruttosozialprodukt ("Gross National Happiness is more important than Gross National Product").

Viele Inhalte des Konzeptes wurzeln seit jeher im kulturellen Erbe der Bhutaner. Dort ist "Entwicklung" gleichbedeutend mit zunehmendem Wissen und persönlicher Erleuchtung. Dieser Weg ist unabdingbar, um die drei Grundübel Unwissenheit, Hass und Habgier zu überwinden. Vor diesem Hintergrund soll der Begriff des Bruttosozialglücks ausdrücken, dass "Entwicklung" mehr Dimensionen aufweist als nur die eines gesteigerten Bruttosozialprodukts, dass es einer Balance zwischen Materialismus und Spiritualität bedarf.

 


Die 4 Säulen des Bruttosozialglücks

Glück lässt sich selbstverständlich nicht per Gesetz verordnen. Ziel ist die Schaffung von politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, die es den Bewohnern Bhutans ermöglichen sollen, ihr individuelles Glück zu ermöglichen und zu leben. Auf 4 Ebenen möchte die Regierung versuchen, diese Vision zu verwirklichen:

 


Glück in der Praxis

In Internetforen habe ich gelesen, dass so mancher bhutanische Staatsbürger dem Bruttosozialglück keine große Bedeutung beimisst. Es sei - so die häufige Ansicht - nur gut, um die Hilfsmittel der internationalen Organisationen weiterhin nach Bhutan zu spülen; der Durchschnitts-Bhutaner habe nichts von den noblen Visionen seines Staates.

International gibt es viele Finanzexperten, die Zweifel daran hegen, ob ein auf das Glück seiner Bürger ausgerichteter Staat überhaupt überlebensfähig ist. Allerdings gibt es ebenso Experten, die genau dies behaupten und den Ansatz Bhutans sogar für ein weltweites Vorbild halten (siehe Beiträge der GNH-Konferenzen in der Linkliste). Fakt ist, dass Bhutan ohne finanzielle Hilfe von außen die Ziele des Bruttosozialglücks nicht in dem Maße verwirklichen könnte, wie es derzeit geschieht. Fakt ist aber auch, dass sich die Haushaltslage Bhutans gut entwickelt (siehe Abschnitt Wirtschaft), dass Infrastruktur, Zugang zu Bildung und Gesundheit steigen, dass es keine Hungersnöte in Bhutan gibt etc. - jeder Tourist wird bestätigen können, dass Bhutan nicht das klassische Bild eines Entwicklungslandes bietet.

Die meiste Kritik hat es vermutlich hinsichtlich des Schutzes der Kultur gegeben. Es ist unzweifelhaft so, dass die Regierung unter Kultur vorrangig die Kultur der herrschenden Ethnie der ngalongs meint (siehe Abschnitt Bevölkerung). Niemand wird bestreiten wollen, dass diese Kultur in ihrer Ursprünglichkeit und Vielfältigkeit einzigartig ist und dringend Schutz erfordert. Die Kritik geht vielmehr dahin, dass offenbar eine Tendenz besteht, die eigene Kultur den anderen Ethnien des Landes aufzuzwingen (siehe Abschnitt Politische Probleme). Wie soll man aber über eine Politik denken, die das Bruttosozialglück eines Teils der Bevölkerung auf Kosten eines anderen Teils realisieren möchte? Dies widerspricht ganz offenkundig den GNH-Zielen der Gerechtigkeit, des Friedens und vor allem der Freiheit von Unterdrückung.

Ein Beispiel aus dem Bereich der Dritten Ebene, des Schutzes der Natur, soll dies verdeutlichen. Im Jahr 1984 wurde von der bhutanischen Regierung angedacht, einen zwei Kilometer breiten, bewaldeten Streifen ("Green Belt") entlang der Grenze zu Indien zu schaffen. Offiziellen Angaben zufolge sollte dies die Bodenerosion reduzieren - und zugleich Überflutungen in benachbarten indischen Regionen abmildern - und einen sichtbaren Grenzverlauf zwischen Indien und Bhutan schaffen. Von dieser Aktion wären die fruchtbarsten Anbaugebiete der nepalesischen Bhutaner betroffen gewesen, und ca. 30% von ihnen hätten nach eigenen Angaben umgesiedelt werden müssen. Zwar wären die Landbesitzer mit einer gewissen Geldsumme oder alternativem Landbesitz entschädigt worden. Aber der Verdacht liegt nahe, dass es sich hierbei um einen Vorläufer der ethnischen Säuberungen aus den Jahren 1991/92 handelt, die die Reduzierung der nepalisch-stämmigen Bevölkerung in Südbhutan zum Ziel hatte. In den 1990er-Jahren wurde die Idee eines bewaldeten Grenzgürtels aufgegeben, da die ursprünglich zugesagten indischen Finanzhilfen ausblieben.

Es wäre vermessen, zum Thema "gute Staatsführung" einen Kommentar "von außen" anzubringen. Hier muss man die Bhutanerinnen und Bhutaner selbst zu Wort kommen lassen. Nur so viel: Ein ernsthaftes Problem scheint die Korruption im öffentlichen Bereich zu sein. Aber die Tatsachen, dass sie in den Medien (z.B. regelmäßig im "Kuensel") öffentlich thematisiert wird und zudem eine Kommission zur ihrer Bekämpfung ins Leben gerufen wurde, kann man wohl als ermutigende Zeichen auffassen.

 


Links & Literatur zum Thema "Bruttosozialglück"

Simpleshow "What is Gross National Happiness?" (Youtube-Film)

„Bruttonationalglück“ als Maßstab für Entwicklung? Eine Analyse des politischen Systems Bhutans in Bezug auf das Entwicklungskonzept des buddhistischen Königreichs. Autor: Thomas Riedl (Magisterarbeit, Universität Wien, 2009)

Gross National Happiness or Gross National Product? A Social Analysis of Bhutan's approach to Development. Autor: Alberto Rognoni (englisch, M.Sc.-Arbeit, The University of Birmingham, 2004)

GNH - Concepts, Status and Prospects (Autor: Kinley D. Dorji) (englisch, pdf, 0.3 MB)

Beiträge der bisherigen GNH-Konferenzen (englisch)

The Relevance of Soils for Gross National Happiness (englisch, pdf, 0,1 MB)

Die Suche nach dem Bruttosozialglück (Der Standard, 11.04.2005)

Bruttosozialglück als Entwicklungsziel (Autor: Dieter Brauer)

Rauchfrei ins Bruttosozialglück (Süddeutsche Zeitung, 11.04.2005)

Du sollst glücklich sein! (Die Zeit, 17/2005)

Bruttosozialglück aus Sicht von Königin und Helvetas (pdf, Neue Zürcher Zeitung, 28.06.2004)

Gross National Happiness (englisch, Autor: Television Trust for the Environment TVE)

Rules and Regulations, Corruption and the Role of the Individual (englisch, pdf, 0.3 MB)

The New Science of Happiness (TIME Magazine Vol. 156 No.3, 2005)